| Arian und Raoul stehen Schlange. Die Kassiererin im Kulturzentrum Castropol an Havannas Küstenprommenade Malecón verspricht ihnen nur noch zwanzig Minuten Wartezeit. Für einen Dollar wollen die Gäste in ein Nachtvarieté der anderen Art. Das „Tropicana“ der jungen Einheimischen steigt jeden Donnerstag in einem verrauchten Seitenhof. Dicht gedrängt macht Clodette Shirley Bassey nach und Ophrah singt Sinatras „My Way“. Ihnen folgen noch zwei weitere Travestiekünstler, die genauso mit Lust und Laune das Publikum unterhalten. „Diese Künstler sind Schwärmer der Nacht. Die machen das alles in ihrer Freizeit, am Feierabend. Für uns bringen sie etwas Gemütsfarbe in die nächtliche Dunkelheit der kubanischen Hauptstadt“, umschreibt Nelson die Lage. Der 29-jährige Wirtschaftsschüler will keine Kritik üben am öffentlichen System. Immerhin können sie feiern, wie es ihnen Spaß macht. Abseits der typisch kubanischen Rum-Bars für Touristen oder der Hemingway-Gemeinplätze sind hier junge Hauptstädter unter sich. Die Travestiten leben für ihre Vorliebe, doch leben können sie davon nicht. Bei Licht betrachtet läuft der Alltag in Kuba weniger glitzernd ab. Es ist ein Leben in wunderschönen Stadtpalästen, unter Arkadenreihen oder in palmenbewachsenen Schattenhöfen, jedoch in ehemals prächtiger Architektur. Heute sehen viele Häuser in Havanna aus wie morbide Denkmale. Die Insel lebt aus der Substanz und der Lack ist ab. Doch es ist nicht der Glanz der alten Tage, der fehlt. Ganz im Gegenteil. Die Zeit vor Fidel Castros absoluter Herrschaft, das Gauner-Regime Batistas, wünscht sich kein Kubaner zurück. Die Revolution von 1959 ist nicht mehr rückgängig zu machen, aber überlebt hat sie sich. Sie hat ihre Rolle gehabt. Mit einem Handwinken wischt Raouls Freund Arian die Geschichte weg:„Die ständigen mehrstündigen Ansprachen Fidels im Fernsehen interessieren doch keinen mehr. Wir wollen jetzt leben und nicht nur versuchen zu leben.“ Der 28-jährige Arian wurde zehn Jahre nach Che Guevaras Tod in den Bergen Boliviens geboren. Für ihn ist das in Kuba allgegenwärtige Korda-Foto des schönen Revolutionärs ein dekoratives Element im öffentlichen und privaten Leben. Seine Generation ist lebenshungrig, möchte sich mal chic anziehen, will in die Disko gehen, M-TV sehen, schlichtwegs mit dem Alltag auskommen und leben. |
| Grüne Scheine vom Systemfeind Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion muss die Inselrepublik alleine zurechtkommen. Die Ausrufung einer „Spezialperiode“ lässt die Gürtel noch enger schnallen. Öl, Getreide oder andere Güter müssen mit harten Devisen eingekauft werden. Dem Inselstaat fehlt am meisten das vor der Haustüre liegende Absatzgebiet der USA. Von Havanna nach Miami sind es gerade mal 360 Kilometer. Rund 700.000 Kubaner sind in die Florida-Metropole ausgewandert. Und gerade die Exilkubaner in den Vereinigten Staaten verhindern jegliche Lockerung des seit 1960 bestehenden Handelsembargos. Und seit der Verschärfung der Warensperre im Jahr 1995 wird offensichtlich versucht, das Regiment Castros im Lebensnerv zu treffen. Getroffen ist aber die Bevölkerung, die dabei langsam ausgehungert wird. Das Durchschnittseinkommen eines kubanischen Angestellten beträgt rund 300 Pesos und dafür bekommt er 15 US-Dollar. Das ist eine Unsumme nach menschlichem Ermessen. Zwar kann man sich mit Pesos die Dinge zum Überleben kaufen, Miete und Strom bezahlen und das Gesundheitswesen ist immer noch kostenlos und beispielhaft. Aber die Sachen zum Leben werden in Dollar abgerechnet. Seit 1994 ist der Besitz der Greenbacks jedem erlaubt. Die Farbe dieses Geldes bestimmt das Leben: In der US-Währung liegt die Hoffnung auf die Zukunft. Das kommunistische System will damit die Versorgungslage verbessern und seine Macht absichern. Den Kubanern ist es ein Vorgeschmack auf mehr. Glücklicher ist, wer genug grüne Scheine vom Systemfeind ausgeben kann. Ein Liter Milch kostet 1,65 Dollar und die Flasche Speiseöl kostet etwa das Doppelte. So ist man gezwungen, mehreren Jobs nachzugehen. Der Sachbearbeiter kann immer noch schweißen oder Autos reparieren. Ein Vorteil bei den vielen alten amerikanischen Karossen aus den vierziger und fünfziger Jahren, die Kubas Straßen zu einem Eldorado für Oldtimerfreunde machen. Oder man kennt einen, der einen kennt, der wiederrum helfen kann. Sehr hilfreich ist dabei die Tourismusbranche. Ein Taxifahrer, Hotelangestellter oder Straßenverkäufer kommt eher mit Touristen in Kontakt und hat somit die Chance, Dollars zu verdienen. „Die Menschen sind im Dollarfieber“, bedauert Fremdenführer Manuel Rodríguez. Der Mann aus Havanna stellt fest, dass „nun zwei Klassen in Kuba bestehen“: Eine mit Dollars und eine ohne. „Das Fieber treibt die Leute zu kriminellen Handlungen. Arbeiten gehen lohnt sich kaum, wenn Schwarzgeschäfte auf die Straße locken.“ |
| Viel Rauch um nichts In Havannas Altstadt werden Touristen überall in den malerischen Gassen Zigarren angeboten. Cohibas Esplendidos für 50 Dollars die 25er-Kiste. Kanzler Schröders Lieblingszigarren qualmen sonst in Deutschland für rund 500 Euro. „Unsere Havannas sind zuhause gedreht. Nur die Tabakblätter, die Zedernholzkisten und die Banderolen kommen aus der Fabrik“, versichert Laura. Die Straßenverkäuferin lächelt dabei, weil sie nicht näher darauf eingehen will, wie die Rohware ungesehen aus der Staatsfabrik kommt. Man kennt halt einen, der einen kennt. An einem Tag kann so das zigfache eines Monatslohnes verdient werden. Die Cohibas der Straßenverkäufer sind Imitate, bei denen Verkäufer und Kunden ein Geschäft machen können. Aber nur sofern die Rauchware gut ist. Im Vinales-Tal bei Pinar del Río wachsen die besten Tabakpflanzen. Diese Kulturlandschaft hat die UNESCO Anfang Dezember 1999 in seine Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. „Oft jedoch ist nur die obere Schicht in den schwarzen Zigarrenkisten blendend oder alles schlecht“, warnt Reiseführer Rodríguez. Dann wird Müll verkauft, der keine fünf Dollar wert ist. Ein risikoreiches Geschäft für beide Seiten. Immerhin ist der Schwarzhandel mit den braunen Stangen streng verboten, aber die Milch muss halt bezahlt werden. Nichtraucher ficht das nicht an. Ihnen ist so etwas nur Schall und Rauch. Tabak und Zuckerrohr rücken bald schon an die zweite Stelle der Devisenbeschaffung. Im Dollar-Neuland führt Kuba aus, was schon immer da ist und trotzdem zuhause bleibt. Der Tourismus ist das Pfund, womit das Land wuchern kann. Ebenso soll es die Macht von Castros Kommunistischer Partei sichern helfen. Doch brandende Strände im Norden und karibische Küstenstille im Süden kommen den Bewohnern mittels der Touristendollars auch zugute. Grüne Landschaften mit fast 2000 Meter hohen Gebirgsketten, koloniale Städte und dazu viel Sonne, warme Tage und viel Musik, bestätigen gleichsam alte Klischees. An Wintertagen sind die Nächte manchmal lau. Ein Lüftchen am Abend scheint immer eine Brise Rum herzuwehen. Und Musik liegt in der kubanischen Luft. Combos mit den kleinen Doppeltrommeln, einer Gitarre, dem Saxophon, dem Bass und ein, zwei oder drei Sängern mit Rasseln sind nicht nur dekorative Elemente in den Touristenrestaurants. Gesungen und gespielt wird überall. Die Musik scheint irgendwo zwischen Leben und Sterben zu liegen, so wie Kuba überhaupt. Fröhliche Rhythmen legen sich über die Melancholie des Alltags und die schaurigsten Lieder klingen schön. Die Musik ist wie das Land, die Insel ist so widerhallend wie ihre Musik, Kuba ist Musik: Hörbar wird es bei Carlos Pueblas Loblied „Hasta siempre Comandante“ auf Che Guevara. Kaum ein Lied, dass so schön ist, weil es so traurig ist. Fabelhaft, wenn den nichtsahnenden Touristen diese geheime Parteihymne immer wieder vorgespielt wird. In Santiago de Cuba singt es sich besonders traurig. In den Trovahäusern wird nachts um die Gunst der Zuhörer geträllert wie auf einer Kanarienvogelschau. Die Musik trägt einen in Santiago weg. Die Dunkelheit in den Plastergassen erlaubt Einblicke in die erleuchteten Kolonialwohnungen. Alte Menschen sitzen in stuckverzierten Wohnungen. Die Glasleuchter an der hohen Decke funkeln. Che Guevara hängt neben dem Rundspiegel hinter Glas. Im Fernsehen gestikuliert Fidel. Wieder einmal. Doch Santiago ist von der Parteiführung in Havanna weit weg. 900 Kilometer und mit der Musik noch ein bisschen mehr. Mit der Trova um die Ecke wirkt das Leben unbeschwert, gejammert wird auf niedrigem Niveau. Kubaner halten viel aus. Sie singen im Stöhnen, sprechen die Hoffnung nicht aus und lieben ihre Heimat im Hass auf die Wirtschaftslage. |
| Sonne, Sand und Strände So fegt die Ölkrise die großen, vierspurigen Autobahnen von Ost nach West fast leer. Unter Brücken warten Anhalter auf Lastwagen oder auf die wenigen Karossen; Bauern bugsieren ihre Ochsenkarren über die Piste und Pferdekutschen kommen vermehrt zum Zuge. Touristen hingegen können moderne Fahrzeuge mieten und erhalten immer Benzin an den Tankstellen. Die Infrastruktur für Reisende ist gut ausgebaut. Zu gut zuweilen. Varadero ist ein 20 Kilometer langer feinsandiger Badestrand zwei Autostunden östlich von Havanna gelegen. Der Küstenstreifen ragt wie ein Finger in den warmen Atlantik hinein. Die amerikanische Industieiellenfamilie DuPont verwirklichte hier in den 30er Jahren ein Vergnügungsviertel mit Hotels, Bars, Yachthafen und Nachtleben. Die Revolutionsregierung hat dieses Erbe konsequent fortgeführt: Der internationale Flughafen wird von den Charterlinien mehrmals wöchentlich angeflogen. Sonne, Sand und Strände sind hier garantiert, doch Varadero ist nicht Kuba. Touristen sind dort unter sich. Zwei Dollar Eintritt werden an der Wegschranke zum Restland verlangt. Eine abschreckender Betrag für Kubaner mit dem Vorteil für die Tourismusmacher, dass nicht allzu viel Einheimische den Wohlstand der Dollarbesitzer erfahren. „Wir brauchen dieses Varadero“, stößt staatsmännisch Touristenführer Rodríguez aus, um gleich ganz prakmatisch anzufügen, „aber Kubaner gehen da nicht baden.“ Doppelsinnig, wie stets bei Äußerungen gegenüber Fremden, verweist er auf die vielen unberührten Strände rund um die Insel. Playa Larga am Ende der Schweinebucht erinnert nicht an ungestörte Badefreuden und in der Bahia de Bariay betrat Columbus am 28. Oktober 1492 zum ersten Mal Kuba. Heute ist es dort ruhig. Ein Denkmal wittert vor sich hin; der Wächter sitzt verlassen seine Zeit ab. |
| Eine „Steinebucht“ fürs Fernsehen Auf Cayo Saetia zupft der junge Angestellte des einzigen Hotels seine Gitarre. Sein Gesang unterstreicht die Stille der Insel. Die sechs Gäste seiner Bungalow-Anlage haben sich auf die Strände verzogen. Einsame Badebuchten sind Standard auf der nur durch einen straßenbreiten Kanal vom Festland getrennten Insel. 120 Kilometer von Holguin entfernt ist dieses Eiland allen Kubanern durch das Fernsehen bekannt und als Funktionärsparadies den meisten entfremdet. Antilopen hat man hier angesiedelt, damit die Parteioberen etwas zum Jagen haben. Nun sollen auch Touristen die einsame Insel kennenlernen. Ein kleiner Strand mit zwei großen Felsblöcken dient als pausenfüllende „Steinebucht“ im Staatsfernsehen. Der Weg von dort über das Land nach Santiago de Cuba führt durch horizontweite Zuckerrohrfelder. Wieder ziehen Ochsenkarren die Zuckerernst der Bauern über das Land. Castro kam in dieser Gegend vor 73 Jahren zur Welt. In den Dörfern fällt die Landjugend in Latzhosen auf. An diesen warmen Tagen passen die Jungen nicht in die schweren Jeans. Die Träger schlappern über der nackten Haut. Die Kleidergeschäfte haben die Hosen als Mode für die Jugend im Plan. Levis-Imitate für 18 Dollar das Stück. Nur für die Orginale braucht es noch ein bisschen Zeit. Hoffentlich. | Informationen zu Kuba Die Einreise ist nur mit einem gültigen Visum möglich über Kubanische Botschaft, Stavanger Strasse 20, 10439 Berlin, Tel: 030-91611811, Fax 030-9164553 oder bei Buchung einer Pauschalreise über das Reisebüro. Hin- und Rückflüge in der Economy Class gibt es für durchschnittlich 700 Euro. Air France (www.airfrance.fr) über Paris und die spanische Iberia (www.iberia.com) über Madrid fliegen mehrmals wöchentlich Havanna an. Die Charterlinien Condor (www.condor.de) und LTU (www.ltu.de) bedienen die Flughäfen Varadero, Cienfuegos oder Holguin. Die Fluglinien Cubana und Air Carribean verbinden zahlreiche Flughäfen innerhalb des Landes. Landeswährung ist der Kubanische Peso. Kuba verfügt über zahlreiche gute Hotels der mittleren bis gehobenen Klasse. Privatpensionen gibt es gelegentlich. Individualreisen durch das Landesinnere sind ohne Gefahren möglich. Strassenkriminaliät gehört zu den Ausnahmen des Landes. Polizeikräfte sind präventiv überall präsent. Pauschalreisen vom Strandurlaub bis zu Studienreisen sind im Angebot aller anerkannten Reiseveranstalter. Die günstigste Reisezeit liegt in den Wintermonaten. Blauer Himmel und angenehme Sommertemperaturen ohne Tropenstürme garantieren in dieser Zeit unbeschwerte Urlaubsfreuden. Reiselieratur: Vis-a-Vis, Kuba, Dorling Kindersley Verlag Starnberg, ISDN 3-8310-0245-2, 20,50 Euro, (www.dk.com). Weitere Informationen bei Kubanisches Fremdenverkehrsamt, An der Hauptwache 7, 60313 Frankfurt, Tel: 069-28832223, Fax 069-296664,( www.kuba.org). |





































