| Klimaanlagen surren vor sich hin. Ein kleines Mädchen stellt sich in den kalten Wind, wirft Grimassen und stolziert auf einem Bein. Die Empfangshalle des Flughafens in Phnom Penh strahlt stille Kühle aus. Draußen ist es trockenheiß, die Luft flackert bei 34 Grad Celsius. Das Rollfeld ist leer. Die Turbo-Prop-Maschine aus dem vietnamesischen Saigon hat sich leicht verspätet. Die Minuten vergehen nicht im Flug. Ein rotes Blicklicht beendet die Sommerstille im Februar. Für kurze Zeit erwacht der beschauliche "Pochen Tong International Airport". Zollbeamte ruckeln sich auf ihren Schalterstühlen zurecht. Der Lotse hat seine Arbeit getan, ein Gepäckwagen rollt an die Maschine heran, die ersten Passagiere steigen die Treppe herunter auf das Flugfeld. 20 US-Dollar kostet der Eintritt in das Königreich Kambodscha pro Person. Das Visum wird unbürokratisch erteilt. Hauptsache man hat das Geld parat. Neben dem kambodschanischen Riel ist der US-Dollar die eigentliche Währung im Lande. Weitere zehn Dollar sind für den Austritt zu bezahlen. Das ist ein Zehntel des durchschnittlichen Jahreseinkommens und fast hundert Mal kleiner als die gemittelten Einkünfte in Deutschland. Ein eher lästiger Obolus für Europäer, doch viel Geld für Kambodschaner. Dem Reich König Norodom Sihanouks ist diese Einnahmequelle hoch willkommen. Für den Wiederaufbau des Landes wird jeder Euro gebraucht. Nach Jahren des Krieges und des Terrors ist das arme Kambodscha endlich zur Ruhe gekommen. Eine Ruhe, die es verdient und braucht. Noch trauen sich Touristen eher zaghaft in das Land des Lächelns, das so viele Fotos geschundener und vom Leid verzerrter Gesichter in die Welt sandte. Die Reiseführer in unseren Buchhandlungen warnen vor Ausflügen in das Landesinnere und überschreiben den Besuch mancher Tempelanlage mit "Sicherheitsrisiko wegen marodierender Banditenbanden". Gemeint sind vorwiegend frustrierte Splittergruppen der Roten Khmer, die der Kalte Krieg vergessen hat. |
| Die Vergangenheit ist überall präsent Im Norden an der Grenze zu Thailand sollen noch verstreute Kämpfer einzelne Landstriche kontrollieren. Und erst vor einem Jahr wurde der Tod Pol Pots vermeldet. Die Menschen wollen das gerne glauben, doch sind sie sich unsicher, ob der Leichnam des Menschenschlächters der siebziger Jahre wirklich verbrannt wurde. Die Gräueltaten Pol Pots und seiner Clique sind nicht im Rauch der Geschichte aufgegangen. Rund zwei Millionen Menschen kamen in der Schreckenszeit von 1975 bis 1979 ums Leben. Das waren etwa ein Drittel der kambodschanischen Bevölkerung. Von der Mehrheit der Bevölkerung begrüßt, zog Pol Pot am 17. April 1975 in Phnom Penh ein. Zwei Tage später war die Begeisterung vorbei. Innerhalb von 48 Stunden mussten die Bewohner ihre Hauptstadt bei Androhung der Todesstrafe verlassen. Wer nicht spurte, wurde verhaftet, verschleppt und ermordet. Rücksichten gab es keine, selbst linientreue Gefolgsleute kamen bald ums Leben. Das Regime zwängte dem Land einen Steinzeit-Kommunismus auf. Brillenträger galten als Intellektuelle, die für ihre Sehschwäche mit dem Leben bezahlen mussten. Die gesamte Elite des Landes wurde ausgerottet oder vertrieben. Die Opfer -Alte, Kranke und Kinder nicht ausgenommen- waren den roten Schlächtern die Gewehrkugeln nicht wert. Mit den messerscharfen Kanten der Palmblätter schnitten sie den Opfern die Kehlen auf. Die "Killing Fields" sind heute mahnende Zeugen der Verbrechen. Im Grabfeld von Phnom Penh wurde eine Gedenk-Pagode errichtet. In 20 Etagen sind die Schädel der Getöteten aufgeschichtet. Vier Jahre wüteten Pol Pots Schergen. Dann marschierten die Vietnamesen ein. Sie fanden ein Land ohne Infrastrukturen vor. Das Geld war abgeschafft, Brücken und Straßen gesprengt, Schulen und die Universität geschlossen. Zehn Jahre war Kambodscha vom großen Nachbarn besetzt, dann zogen sich die Vietnamesen öffentlich zurück. Doch sie geben den Ton an. Regierungschef Hun Sen ist von Vietnam eingesetzt und hat seine Macht nach dem kleinen Putsch vom Juli 1997 gegen Ranariddh, den Sohn Königs Sihanouk, gefestigt. |
| Ein Fluss ändert seinen Lauf Heute wollen die Kambodschaner zwar nicht ihre Erinnerung verlieren, aber vergessen. Viele junge Menschen waren Kleinkinder, als sie aus ihren Familien gerissen wurden. Oft haben sie ihre Eltern in dieser Zeit verloren. In Gesprächen wird das eher beiläufig genannt. Schicksal eben. Die Menschen schauen voran, wollen nun ihren Teil am Wohlstand ergattern. Jetzt sind auch sie mal dran. Das Treiben und Wuseln in Phnom Penh macht das deutlich. Mopedfahrer bieten sich als Stadttaxi an. Für einen Dollar ist eine Fahrt durch die Hauptstadt zu haben. An der Uferpromenade des Tonle Sap gehen die Hauptstädter spazieren. Schon gibt es Menschen, die Freizeit haben. Sie laufen an den Garküchen mit Reisgerichten und gegrillten Vögeln vorbei. Die kleinen werden im Ganzen gegessen, die größeren sehen aus wie die Mini-Ausgabe einer Peking-Ente. Tonle Sap, Bassac und Mekong vereinigen sich vor Phnom Penhs Ausgeh-Meile zu einem großen Fluss. Doch einmal im Jahr ändert der Tonle Sap seine Fließrichtung. In der Trockenzeit von November bis April strömt sein Wasser in den Mekong. Wenn es in Kambodscha ergiebig regnet von Mai bis November, fließen die Wassermassen nicht dem Meer entgegen, sondern in den Tonle Sap-See. Dieser schwillt dann von der fünffachen Fläche des Bodensees auf das Zwanzigfache an und verhindert katastrophale Überschwemmungen im Mekong-Delta in Südvietnam. Von diesem Zusammenfluss im Drei-Strom-Land schweift der Blick über die französischen Kolonialhäuser zum Königspalast. Die Gebäude, Häuser mit goldenen Dächelchen, Buddha-Tempel und die silberne Pagode wirken sehr aufgeräumt, wohlgeordnet und mit Bedacht plaziert. Auf dem Wohnhaus des Königs weht die Fahne Sihanouks. Ein Zeichen für seine Anwesenheit. Der zweimalige König, krebskrank und alt geworden, dankte ab und wurde vor sechs Jahren wieder gekrönt. Er ist die Integritätsfigur und hält das Land zusammen. Umso leichter, weil über 90 Prozent der fast sieben Millionen Kambodschaner Khmers sind. |
| Welt- und Wirtschaftswunder Angkor Wat Diese Volksgruppe blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Bis ins 16. Jahrhundert gaben sie den Ton an in ganz Indochina. Vor rund 1000 Jahren stemmten sie aus dem innerkambodschanischen Dschungel eine mehr als 15 Kilometer lange Tempelanlage. Der berühmteste Tempel ist das guterhaltene Angkor Wat. Unter den Weltwundern gehört es in eine Spitzenstellung. Zur Ehre der damaligen Hindu-Gottkönige schufen Hunderttausende ein Kunstwerk in Stein. Kaiserbildnisse, gemeißelte Garudas, Apsara-Tänzerinnen, Pagoden und Gänge mit eckigen Säulen ragen aus dem Wald. Die französischen Kolonialherren des vergangenen Jahrhunderts entdeckten die Heiligtümer vom Dschungel überwuchert. Daran hat sich an einigen Tempeln nichts geändert. Schwere Waldriesen haben sich über Tempeln breitgemacht. Mit ihrer Kraft zwingen sie die schweren Quadersteine auseinander. Über allem wabert ein stetes Gefühl von Vergänglichkeit. Nicht so im Angkor Wat, dem nationalen Symbol des Landes. Es findet sich in der Nationalflagge, in Variationen auf den Geldscheinen und bezeichnet die allgegenwärtige Biermarke. Die Roten Khmer-Soldaten entwürdigten die Tempel als Munitionslager. Vereinzelte Einschüsse in den Fassaden zeugen davon. Das Wat steht heute für die touristische Zukunft des Landes. Nicht wenige besuchen Kambodscha ausschließlich wegen dieser Tempelanlage. Es ist das Pfund mit dem Kambodscha wuchern kann und will. In der benachbarten Stadt Seam Reap spießen die Hotels aus dem Boden. Das Grand Hotel strahlt in neuem Glanz und blendet mit Zimmerpreisen, für die ein Kambodschaner ein Jahr lang arbeiten mus. Große Hotelkomplexe in unmittelbarer Nähe des Wats verhinderte die Weltkulturorganisation Unesco, indem es mit dem Einstellung der Restaurierungsgelder drohte. Eine Direktflugverbindung von Bangkok ermöglicht Touristen über Thailand anzureisen. Zum Nachteil der Kambodschaner, weil die mitgebrachten Devisen in die Hände thailändischer Hoteliers vor Ort fließen. Eine Reise nach Kambodscha ist zu einem zivilisierten Abenteuer geworden. Die Minenwarnungen sind abgebaut, nur abseits der Kulturtrip-Pfade kann es gefährlich werden. Selbst im 30 Kilometer entfernten Tempel von Banteay Srei, dem lieblichsten und feinziseliertesten Tempel aus rotem Sandstein, ist es ungefährlich hinzugelangen. Die Roten Khmer sind politisch tot. Die Besucher fangen an zu strömen. Noch muss die Masse nicht reguliert werden, noch können Neugierige und Mutige respektlos über die steinalten Tempel klettern. Das Land ist zur Ruhe gekommen, damit es sich endlich fortbewegen kann zum Wohle der Bewohner. |
| Informationen zu Kambodscha Das Land erreicht man per Flugzeug von Saigon mit Vietnam Airlines und Royal Air Cambodge mehrmals täglich. Der Flug nach Phnom Penh dauert 45 Minuten. Von und nach Bangkok (etwa eine Stunde) fliegt Thai International Airways und Air Cambodge. Die Stecke Bangkok-Frankfurt wird von zahlreichen Fluggesellschaften bedient. Langstreckenflüge nach Phnom Penh und zurück kosten etwa 650 Euro. Die Straßen sind nicht immer gut. Phnom Penh verfügt über Hotels aller Katergorien. Studien- und Kulturreisen in Kambodscha gibt es bereits für rund 500 Euro für eine Woche ohne Anreiseflüge. Individulisten können in Hotels Zimmer preise zwischen 10-30 Dollar aushandeln. Ein trockenheißes Klima herrscht während der Trockenzeit von November bis April mit 30-35° Celsius vor. Nachts kann es sich angenehm abkühlen. Ganz Indochina ist teilweise Malariagebiet. Eine Prophylaxe ist ratsam. Die Tempelanlage von Angkor kann von Bangkok direkt mit Bangkok Airlines angeflogen werden. Von Phnom Penh fliegen täglich zwei Maschinen der Air Cambodge in 45 Minuten. Hin- und Rückflug kosten 110 $ plus je 10 $ Flughafengebühr. Die Landeswährung ist der Riel. Ein US-Dollar entsprechen etwa 3800 Riel. Englisch- und deutschsprachige Reiseführer, Mietwagen, Arrangements und allgemeine Informationen zu Kambodscha beim offiziellen Tourismusbüro: Indochina Services, Enzianstrasse 4a, 82319 Starnberg, Telefon 08151-770222, Telefax 08151-770229, E-mail: Cambodia@Indochina-services.com |





































