Sonne, Serrano und steinerne Sittenstrenge
Spanische Stätten des Weltkulturerbes

von Nicolas van Ryk



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Cuenca

CuencaMadridAlhambraSalamancaCordobaCordobaGranadaGranadaGranadaAndalusienAndalusienEstremaduraAvilaPeniscolaMandelblüte in der Comunidad Valenciana

Jossip hinkt die Nudeln herbei. Er schlurgt mehr, zieht sein linkes Bein hinter sich her. Nur die Teller wackeln nicht, liegen fest in der Hand. Der Kellner mit der Cordweste gehört zum Madrider Restaurant "La Forja de Sesnandez". Jossip ist schon länger da als der Farbfernseher in der oberen Ecke, sein Bruder Roberto bekam das Lokal vom Vater und Mama sitzt abends unter den ersten Gästen. Die Speisekarte in der Familienwirtschaft neben der renovierten Fruchthalle am Plaza Mayor hat sich seit mindestens fünf Jahren nicht mehr geändert: Gemüsesuppe, Nudeln mit Tomaten, Lachs und Obstsalat oder Paella, Kesselfleisch mit Kartoffel, Rosthuhn und Eisdessert. Genauso wenig verändert hat sich der gute Geschmack. Alles selbst gemacht für 8,50 Euro. Die Flasche roten Landwein gibt es für 4,30 Euro. Die schmackhafte Rückständigkeit im Preis ist aber eher die Ausnahme in Spanien. Die Metropole Madrid hat sich in den vergangenen Jahren herausgeputzt. Fassaden glänzen, Modegeschäfte locken Kunden mit inländischen Auslagen und die Nachtszenen der Königsstadt zählen derzeit zu den beliebtesten unter Europas Zentren. Die große Schwester auf der Iberischen Halbinsel ist Barcelona. Spanien macht dort nicht nur den Eindruck, wirtschaftlich ein Stück über dem Boden zu schweben.

Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Fortschritt sowohl unter der konservativen Aznar-Regierung wie unter dem sozialistischen Regierungschef Zapatero, der sogar die sogenannte Schwulenehe im katholischen Spanien durchgesetzt hat, haben Spanien weit vorangebracht. Fest verankert in den westlichen Demokratien, ist von der Agonie der letzten Franco-Tage nichts mehr zu spüren. Der gescheiterte Obristenputsch von 1981 stellte die Weichen in die Zukunft. Die Sozialisten unter Gonzales bauten das Land auf, führten es in die Europäische Union und die Konservativen führten das Aufbauwerk erfolgreich fort. Das Land ist überzogen mit neuen, weitgehend aus EU-Geldern finanzierten Straßen. Neben mautpflichtigen Autopisten gibt es viele gebührenfreie staatliche Autobahnen. Fortkommen wird einem leicht gemacht, doch Bleiben ist auf der Sonnenhalbinsel die bessere Reiseform.


Duft der Mandelblüte

Tiefblau strahlt der Himmel über Peñiscola. Die Burganlage zwischen Barcelona und Valencia an der "Apfelsinenblütenküste" Costa del Azahar ragt wie ein Fingerzeig Gottes ins Meer. Einer seiner Stellvertreter residierte hier, nachdem Benedikt XIII. als Papst 1415 vom Konstanzer Reformkonzil abgesetzt wurde. Viel hat sich auf dem Halbinselchen nicht verändert seither. In der Hafentaverne gibt es frische Muscheln und gegrillte Sardinen mit einem Weißwein. Nebenan trocknen die Fangnetze in der vorsommerlichen Mittagssonne. Einem Netz gleich wird Spanien von kulturellen Knotenpunkten überzogen. Städte mit Burgen und Zinnen, Gassen mit Geschichten und bedeutsamen Gemäuern beleben die einsamen Weiten der innerspanischen Provinzen. Die Kulturorganisation UNESCO hat dieses Jahrhunderte alte Netz seit fünfzehn Jahren geordnet und insgesamt 31 Städte und Stätten, Landschaften und Denkmale auf ihre Liste des Weltkulturerbes gesetzt. Nach dieser Liste kann man Urlaub machen, die Kulturperlen auf einen Reiseverlauf reihen. Für Peñiscola reichte die Hofstaaterei des geschassten Papstes jedoch nicht aus, Weltkulturerbe der UNESCO zu werden. Nur neun Jahre bis zu seinem Tod verharrte Kardinal Pedro de Luna in der Burg. Ein zweites Avignon wurde nicht daraus.
Eine Kulturleistung anderer Art sind aber die Mandelhaine in der Gegend. Ihre Blüten liegen noch vor den Orangenblüten als weiße Duftwölckchen millionenfach über der braunen Küstenlandschaft. Von der Küste ins steinige Landesinnere führt der Kulturweg an Teruel vorbei. Hoch und kalt, karg und stolz ist die Provinzstadt. Multikultureller Pragmatismus hat hier die Steine geformt. 900 Meter über dem Meeresniveau durften muslimische Architekten in Teruel Glockentürme gestalten, die eher Minaretten gleichkommen. Und die Kathedrale haben die Mudejares später auch mit ihrem muslimischen Bachsteindekor verziert. Bis 1502 durften Muslime in Teruel nach Mekka beten. Da war anderswo mit Toleranz schon länger Schluss im christlich zurückeroberten Spanien.
Cuenca befand sich bereits 1177 wieder in katholischen Händen. Auf einem Hügel schanzten sich die neuen Herrscher damals ein. Heute ist diese Befestigungsanlage Teil der Weltkultur. Der Domvorplatz wird gerade neu gepflastert. Einige Bäume werden zum Schattenwerfen eingesetzt. Unter ihnen wird man sich dann wieder treffen auf einen Milchkaffee oder einen Aperitif mit Schinkenbrötchen. Der luftgetrocknete Serrano-Schinken ist Spaniens herbe Speiseform. Passt auch zu kühlem Rotwein. Am frühen Nachmittag ersetzt die knappe Mahlzeit den Mittagstisch. Der kalte Wein tut das Seine, ersetzt den Alltag, lässt die warmen Strahlen der Frühlingssonne wirken.

An Madrid vorbei führt der Weg über den 1860 Meter hohen Pass Puerto de Navarraceda nach Segovia. Dort wurde Isabella I. 1474 zur Königin ausgerufen. Mit ihrem Mann Ferdinand II. schloss sie das Werk der Reconquista 1492 mit der Übergabe der Stadtschlüssel von Granada ab. Diese beiden Herrscher brachten das Land zusammen, durchzogen es mit katholischem Absolutheitsanspruch und hinterließen steinerne Spuren der Sittenstrenge. In Segovia wurde der Dom als Sieges-Denkmal der Reconquista errichtet. 100 Meter richtet sich der Kathedralturm an der höchsten Stelle der Altstadt in den wiedererstarkten Glaubenshimmel. In der Nachbarschaft ragt der Alcázar empor. Es ist eine Trutzburg der damaligen Politik. Auf einem wunderschönen Panoramaweg kann der Besucher den Domhügel, Altstadt und Alcázar in Segovia umwandern. Zu dieser Seite hin hört die Stadt an ihrer Wehrmauer auf. Der Spazierweg liegt schon inmitten rotbrauner Äcker und Klatschmohnfelder. Wie im Mittelalter. Wie in Avila, der anderen Stadt Isabellas. Hierin zog sie sich zurück. Hinter den Mauern der Stadt ersann die katholische Herrscherin zusammen mit ihrem Mann die Inquisition in Spanien. Über die Mauern der Stadt bekannt wurde aber auch die Mystikerin Teresa mit ihrer Predigt von Liebe und Toleranz.


Merida macht Mittag

Durch die Orte Salmanca, Cáceres und Merida schnürt sich die Kette der Kulturdenkmale in den Süden. Die alte Universitätsstadt Salamanca lebt noch heute von seinen Studenten. Sie geben dem Freilichtmuseum ein frisches Aussehen. Touristen laufen mit Kunsthandbüchern durch die Gassen. Hier eine Bedeutsamkeit, dort die Universität und da der Dom. Das Flair der Altstadt erschließt sich auch vom Sonnenplätzchen vor der Kirche San Martín. Einfach nur sitzen und das Leben vorbei laufen lassen. Serrano in der Sonne genießen. In Cáceres kann man das wiederholen, das Mittelalter besichtigen. Merida hingegen ist wegen seiner römischen Vergangenheit sehenswert. Nur nicht in der Mittagspause. Das gut erhaltene Theater macht von halb zwei bis vier Mittag. Sehr zur Freude der Restaurantbesitzer am Denkmaleingang. Gäste werden vor den Lokalen angesprochen. Versprochen wird ein Menü für nur 1000 Peseten. Doch der Koch hält mehr ein. Fast mittelalterliche Preise in der Neuzeit. Die Römerstadt mit Viadukt, Amphitheater, Zirkus und Flussbrücke in der südlichen Extremmadura war mal Veteranenkolonie. Altgediente sollten dort eine seelenlose Landschaft kultivieren. Mit Erfolg, doch geblieben ist die Einsamkeit und Leere dieses Landstrichs. Nur im Frühjahr überzieht ein Blütenteppich die Weiden rund um Merida.


Alte tratschen in der Sonne

Weißgetünchte Bauernhäuser zeugen schon davon, dass es von hier nicht mehr weit nach Andalusien ist. Sevilla, Córdoba und Granada warten in der Sonne. Bis zu 48 Grad kann es im Sommer in Sevilla sein. Nun aber blühen erst mal Tausende von Orangenbäumen, legen die Stadt in ein Duftbett. Gut riechen auch die gegrillten Rosmarin-Hühnchen von der Bude an der Mezquita-Moschee in Córdoba. Für 1000 Einwohner dieser einstigen muslimischen Millionen-Metropole gab es in der Wallfahrtsmoschee eine Säule. 856 Säulen schaffte man. An einen Schatten spendenden Palmenhain sollten sie die Gläubigen erinnern. Die Christen haben 1523 einer Krake gleich auf diesen steinernen Wald eine Kathedrale draufgesetzt. Siegerarchitektur im Vollsinn.
Sensibler war die Vorgehensweise in Granadas Alhambra. Zwar hat sich Kaiser Karl V. dort auch einen Palast samt Kirche bauen lassen, doch der Kunstsinn der Nasriden überzeugte. Einzigartig ist die Leichtigkeit und Kunstfertigkeit der Arkadenbögen des Löwenhofes. Hier im Löwenhof verspürt man vielleicht am deutlichsten den über der Alhambra schwebenden orientalischen Zauber. Bereits 1984 wurde dieses maurische Kulturdenkmal als erster spanischer Ort in die UNESCO-Liste der schützenswerten Kulturdenkmale aufgenommen. Der Blick in der Abendsonne vom Stadtteil Albaicín auf die Alhambra taucht das Gemüt in Wärme ein. Auf dem Platz vor der Kirche San Nicolás sitzen Männer und tratschen. Eine Alte mit Echsenfalten im Gesicht klappert auf Kastagnetten. Ihre erhofften Kunden sitzen vor der Bar neben der Kirche. Über dem Tresen hängen Schinkenkeulen. Der Kellner schneidet Serrano ab.


Informationen zu Spanien

Iberia bietet mehrmals täglich Flüge ab allen größeren deutschen Flughäfen. Über Madrid verbindet Iberia alle größeren Städte in Spanien. Gabelflüge empfehlen sich etwa nach Barcelona, Girona oder Reus und ab Jerez oder Malaga. Billiger fliegen www. ryanair.com, hlx.com und airberlin.de von verschiedenen deutschen Flughäfen nach Spanien. Mietwagen sind in den Flughäfen erhältlich. Zehn Tage im Kleinwagen kosten etwa 230 Euro. Die staatliche Hotelkette Paradores (www.parador.es) bietet schöne Unterkünfte in alten Klöstern, Palästen und Burgen für etwa 120 Euro im Doppelzimmer pro Nacht. Schöne Pensionen und Hotel mit Charakter bietet auch der Verbund privater Unterkünfte "Rusticae Espana, Reservierungen unter www.rusticae.es, reservas@rusticae.es. Spanien verfügt derzeit über 31 UNESCO-Weltkulturstätten: Córdoba, Granada, Burgos, Escorial, Barcelona, Altamira, Segovia, Asturien, Santiago de Compostela, Avila, Teruel, Toledo, Insel Gomera, Cáceres, Sevilla, Salamanca, Poblet, Merida, Santa Maria de Guadeloupe, Pilgerweg nach Santiago, Nationalpark Doñana, Cuenca, Valencia, Las Médulas, Yuso und Suso, Berglandschaft Mont Perdu, Alcalá de Henares, Vorgeschichtliche Felsmalereien im östlichen Spanien, La Laguna auf Teneriffa und Eivissa auf Ibiza. Mehr im Internet unter www.unesco.de
Reiseliteratur: Spanien, Vis-a-vis, Dorling Kindersley Starnberg 2005, ISBN 3-928044-19-2, 25,90 Euro. Weitere Informationen beim Spanischen Fremdenverkehrsamt, Myliusstraße 14, 60323 Frankfurt, Tel: 06123-99134, Fax: 06123-9915134, frankfurt@tourspain.es, (www.spain.info)





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