Authentizität, Atmosphäre und Anteilnahme
International Photography

In Südafrika gibt es einen grossen blauen Himmel. Alles ist so weit weg, es scheint unendlich gross und hinter dem Horizont geht es immer noch weiter. Als Kind schon wollte ich wissen, wass nach diesen Bergen, nach jener Ebene kommt. Ich wollte die Welt erkunden und einen Teil davon habe ich inzwischen sehen können.

Ich fühle mich der klassischen Reportage verpflichtet. Authentizität, Atmosphäre und Anteilnahme wollen Schlagworte meiner Arbeit sein. Deswegen halte ich nicht viel von täuschend echter Bildbearbeitung im Zeitalter der digitalen Fotografie. Für gute Fotos genügen eine gute Kamera und die Bilder im Kopf. Stativ, Polfilter und Aufhellblitz können gerne noch dazu kommen und sind auch immer wieder nötig. Aber Bilder, die am Computer gemacht werden, sind mit gebotener Skepsis und Vorsicht zu betrachten. Ganz klar, dass die digitale Fotografie immense Vorteile bietet, die ich gerne nutze. Aber ich bin auch froh, das Handwerk mit der „analogen“ Leica M6 gelernt zu haben. Eine nach wie vor ungeschlagene Kamera. Einer der Vorteile der Digitalisierung ist die Wiederbelebung der klassischen Reportage. Dank der Verkleinerung der Fotoapparate im digitalen Bereich - es gibt Kameras mit sechs Millionen Pixel und beachtlicher Optik im halben Zigarettenschachtel-Format- entstehen wieder Bilder wie zu den Hochzeiten der Reportage-Fotografie. Ganz einfach, weil der Fotograf stets eine Kamera mitführen kann ohne als solcher erkannt zu werden. Damit mich niemand falsch versteht: Schwereres Gerät ist nach wie vor nicht überflüssig. Gute Bilder gibt es nur mit viel Geduld, Beharrlichkeit, Willen, Kopfarbeit und technischem Beherrschen.


Im Grunde gilt das auch für die Texte. Sie sollten nicht Bilder beschreiben, sondern Bilder im Kopf ermöglichen. Dabei müssen sie wahrhaft, glaubwürdig und ehrlich sein. Da bin ich ganz konservativ. Ein Text muss eine Idee haben, einen durchlaufenden Faden. Dann ist ein Gedanke auch mal ausgeführt. Wenn ein Text nicht in eine Geschichte „reinzieht“, hat er seine Aufgabe verfehlt. Dabei muss der Text auch unterhalten, einen Horizont aufzeigen und ein bisschen darf er auch bilden ohne schulmeisterlich zu sein.

Derzeit arbeite ich für Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland, Luxemburg und der Schweiz. Ich habe bislang 44 Länder besucht und fotografiert, 190 Unesco-Welterbestätten ins Visier genommen und es haben sich 1,5 Terrabyte an Bildern angesammelt. Das sind mehr als 100.000 Bilder, die ich bislang geschossen habe. Nicht viel, aber auch nicht wenig. Im Laufe meiner Arbeit haben sich 3 Spezialgebiete herausgebildet. Diese sind Spanien, Italien und Südafrika. Deswegen mag ich auch Bobotie, Biltong, Burewoers, Braaivleis, Brandy und Bier. Das erste ist ein Hackfleischauflauf mit Bananen, Chuntney und Curry, Biltong ist getrocknetes Wildfleisch, die Bauernwürste sind zu Spiralen gedrehte Grillwürste aus Rind und Lammfleisch und jedes Fleisch auf dem Kohlengrill, dem Braai, schmeckt Afrikaanern.
Das das alles mit B anfängt, finde ich lustig. Gewundert habe ich mich einmal, dass ich die Bücher von B.Traven, Tania Blixen und Michail Bulgakov gerne gelesen habe. Aber damit ist es auch genug. Ich mag kein „BlaBla“ und fotografiere nicht mit Beica, Banon oder Bikon.


Es gibt so viele Menschen, die in der Lage sind zu reisen. Fast jeder hat eine Kamera oder ein bildfähiges Mobiltelefon. Selbst Kompaktkameras oder Smart phones sind in der Lage mittels so genannter Art-Programme Bilder mit bearbeiteten Effekten zu erstellen. Und Dank einfacher Bildbearbeitungsprogramme bis hin zu professionellen Anwedungen wie Photopshop CS5 Extended, ist es relativ einfach, schnell erzeugte Bilder effektvoll und scheinbar beeindruckend zu bearbeiten. Doch die Lust am schnellen Bild ist abermillionenfach und nahezu ständig verfügbar. Wie der ständig mögliche Zugriff zur Pornographie oder Sex auf Bestellung lässt dies die Sexualität abstumpfen, macht sie austauschbar, benutzbar. Auf der Strecke bleiben Liebe, Zuneigung, Verantwortung und Respekt. So ist es auch bei „schnellen“ Bildern. Besonders im Genre der Reise-, Reportage- und Street Photographie. Es ist ein Trugschluss, zu glauben, ein gutes Bild sei schnell verfügbar. Wie in der Makrophotgraphie, ist auch die Reportage- und Reisephoographie immer einfühlsam und langsam. Sie entsteht, muss sich entwickeln, beansprucht geistigen Raum. „Gute Photos entstehen im Kopf“, ist mein Leitspruch. Und wenn sie richtig gut sind, erzählen sie in sich eine komplette Geschichte im Moment der Aufnahme. An einigen Beispielen lässt sich mein Arbeitskonzept verdeutlichen: in Brighton habe ich ein lesbisches Paar im Abendlicht fotografiert. Die beiden sind dick und hässlich. Aber im Moment ihrer Umarmung zeigen sie ihre Liebe und Zuneigung zueinander. Das ich die Aufnahme im rötlich-romantischen Abendlicht vor dem Pier machen konnte, rundet das Bild ab. Im Illusissat-Fjord auf Grönland habe ich eine Landschaftsaufnahme der dort schwimmenden Eisberge machen wollen. Schnell gemacht. Ich aber habe gewartet, bis ich einen Wanderer weiter entfernt im Bild hatte. Man sieht ihn nicht auf den ersten Blick, aber diese Person erst hat das Bild gut gemacht. Es zeigt die Weite und Größe der Eisberge und die Kleinheit des Menschen. Im kamboschanischen Ankor Wat habe ich die ziselierten Skulpturen dieser Tempelanlage photographiert. Erst auf den dritten Blick entdeckt der Betrachter neben den vielen Steinköpfen das Konterfei eines jungen Mädchen, das hinter einer Mauer hervorschaut. Das eigentliche Kunstwerk sind die Menschen für die eine Tempelanlage gemacht wurde. Im marokkanischen Rabat kam mir eine Großmutter mit ihrem Enkelsohn entgegen. Sie trägt einen roten Schal und blaues Kleid; das Kind einen roten Pullover und blaue Hose. Die Oma hält ihren Kleinen am Arm, beschützt ihn. Das allein ist schon ein Bild wert. Die beiden gehen aber durch eine blau getünchte, pastellfarbig angestrichene Altstadtgasse. Jetzt wird das Bild gut. Es wird zum Sinnbild für Harmonie und Ausgeglichenheit. Eine glückliche Momentaufnahme unberührt von Vergangenheit und Zukunft.

Diese Beispielliste lässt sich fast endlos fortsetzen. In Afrika habe ich einen Elefanten fotografiert, der direkt auf mich zuläuft, aber erst im letzten Moment habe ich abgedrückt. Ich wollte warten. In Neuengland habe ich Leuchttürme aufgenommen. Aber erst nachdem ein Fischkutter ins Bild lief. Schiffe sind es, denen der Leuchtturm den Weg in der Dunkelheit aufzeigt. Hierfür wollte ich warten. Im Bayerischen Wald sollte ich Luchse fotografieren. Aber wie, wo und wann. Ich legte mich auf die Lauer und konnte warten. Das Valley of Desolution im südafrikanischen Graaff-Reinet ist eine bizarre Felsformation in den Weiten der Karoo. In der Morgensonne erhielt ich schöne Bilder. Ich blieb bis zum Abendlicht für bessere Ergebnisse. In Brüssel nahm ich eine Frau vor einem Zeitungsstand auf. „Alltagsszenen in Brüssel“ lautete der Arbeitsauftrag. Ich wartete bis die Frau drei oder vier Zeitungen vom Ständer genommen hatte und völlig zerwuselt hatte. Ich konnte warten bis zu dieser Handlung, weil erst jetzt Originalität ins Bild kam. Ich besuchte für National Geografic die Kirchengemeinde von Genadendal. Die dortige Gemeinde der Herrenhuter Mission war die erste Gemeinde, die in Südafrika Lehrer ausbildete. Sie bildeten aber auch farbige und schwarze Lehrer aus und waren während der Apartheid wenig gelitten. Nelson Mandela hat den Sitz des südafrikanischen Staatspräsidenten in Kapstadt deshalb für diese Aufrichtigkeit in „Genadendal“ umbenannt. In dieser Gemeinde sollte ich „Weihnachten im Hochsommer“ fotografieren. Ich blieb eine zeitlang in der Gemeinde und im Weihnachtsgottesdienst bekam ich mein Bild: eine junge Frau mit ihrem kleinen Sohn sitzt auf der Empore mit Blick auf das gesamte Kirchenschiff. Die Sohn blickte mich irgendwann an. Ich konnte warten und wurde belohnt am Fest der Geburt des Gottessohnes. Man könnte mir jetzt unterstellen, dass ich mir das Bild vorher ausgedacht hätte und nun in Szene gesetzt habe. Das ist Studio- und Werbefotografie. Da ist es auch angemessen. Das ist eine andere Kunst. Das Leben hat mir gezeigt, warten zu können, um gute Bilder zu bekommen. Für meine Reportagefotografie mache ich das nicht. Warum auch! Wenn ich die nachträgliche Bildbearbeitung für echte Reportagefotografie ablehne, warum sollte ich dann beim Aufnehmen tricksen? Es wäre sogar erlaubt, wenn es als künstlerischer Ausdruck gekennzeichnet ist. Das weiss der Betrachter dies ja auch. Aber so grell rot-faszinierende Sonnenuntergänge wie auf machen Kalenderbildern gibt es überhaupt nicht im echten Leben. Nur in den aufgedrehten Reglern der Photoshop-Anwender. Authentische Fotografie, die Authenzität beansprucht, kann aber nur authentisch sein, wenn sie authentisch ist. Eigentlich sehr einfach. Nur in der Realisation aufwändig, mühsam und geduldig. Gewissermaßen „Slow Photography“.

Deswegen bin ich davon überzeugt, dass nach einer Phase der Übersättigung, langsam entstandene Bilder wieder gefragt sein werden. Viele Verlage und Magazine sind derzeit daran interessiert, möglichst billig scheinbar gute Bilder zu verwenden. Es gibt einfache Bilder, aber keine billigen. Es gibt schnelllebige, lebendige Bilder, aber keine eiligen. Es gibt in sich versunkene, gedankenlos wirkende Bilder, aber keine unüberlegten. Das alles beansprucht Zeit und Ausreifung. Das aber wird auch wieder mehr gefragt werden, denn Photographie hat immer eine Zukunft, wenn sie fundiert ist. Denn Renaissancen, Reformationen und Risorgtimentos hat es immer gegeben. Und das waren stets in die Zukunft gewandte Rückbesinnungen auf das Eingentliche und Wesentliche.

Für alle nun noch offenen Fragen stehe ich gerne zur Verfügung. Aber vielleicht gibt meine Arbeit schon die eine oder andere Antwort.




Design und Programmierung: Manfred Renner